Steht es Aussage gegen Aussage, entscheidet das Gericht nach freier Beweiswürdigung: Es gibt keine Regel, nach der eine Aussage mehr wert ist als die andere. Eine Verurteilung ist deshalb auch ohne weitere Beweismittel möglich, wenn das Gericht eine Aussage für glaubwürdig hält. Bleiben nach der Prüfung Zweifel, muss es zugunsten des Angeklagten entscheiden.
Was bedeutet Aussage gegen Aussage im Strafverfahren?
Aussage gegen Aussage heißt: 2 Personen schildern denselben Vorfall unterschiedlich und weitere unmittelbare Beweise wie Zeugen, Videoaufnahmen oder Urkunden fehlen.
In Wien und Niederösterreich sehe ich diese Lage vor allem nach Trennungen, bei Streit ohne Dritte und bei Vorwürfen wie Körperverletzung, gefährlicher Drohung oder Sexualdelikten. Vielleicht ist etwas passiert, vielleicht behauptet das auch nur jemand. Für das Verfahren macht beides zunächst keinen Unterschied, weil beides erst geprüft werden muss.
Ein Vorwurf ist zu diesem Zeitpunkt ein Vorwurf - nicht mehr, aber auch nicht weniger. Bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung gilt jede Person als unschuldig.
Außerdem müssen Sie sich nicht selbst belasten. Sie dürfen jederzeit entscheiden, ob Sie aussagen oder schweigen möchten. Vor der Vernehmung muss man Sie auf dieses Recht hinweisen und auch darauf, dass Ihre Aussage Ihrer Verteidigung helfen, aber auch genauso als Beweis gegen Sie verwendet werden kann. Was dabei im Detail gilt, steht im Beitrag zum Schweigerecht bei der Polizei.
Genau in dieser Lage rufen mich Menschen an. Viele glauben, ein gutes Gewissen reiche aus.
Wie entscheidet das Gericht, wenn nur 2 Aussagen gegenüberstehen?
Das Gericht entscheidet nach seiner freien Überzeugung auf Basis der Beweise. Feste Regeln, welches Beweismittel mehr zählt, gibt es nicht. Die Anzeige wiegt also nicht automatisch schwerer als Ihre Darstellung. Und umgekehrt genauso wenig.
Jedes Beweismittel wird sorgfältig geprüft, einzeln und im Zusammenhang mit allen anderen. Die Frage lautet also: Ist eine Schilderung plausibel und konsistent? Ist sie schlüssig und passt sie zu allem anderen, was im Akt aufscheint?
Dazu kommt eine zweite Hürde, die viele unterschätzen. Für das Urteil zählt nur, was in der Hauptverhandlung vorgekommen ist. Ein Aktenstück zählt nur dann als Beweis, wenn es dort vorgelegt wurde.
Worauf es daher in der Praxis ankommt:
- Details und Abläufe: Wie genau wird der Vorfall geschildert, wie viel bleibt vage?
- Zeitpunkte: Passen die genannten Uhrzeiten zu Nachrichten, Wegen, Terminen?
- Widersprüche zwischen einer früheren und einer späteren Darstellung derselben Person.
- Die Entstehungsgeschichte der Anzeige: Wann wurde sie erstattet, in welchem Zusammenhang, was ging voraus?
Richter urteilen nicht nach Ihrem guten Gewissen, sondern nach dem, was ihnen am Tisch vorliegt. Das klingt hart, beschreibt aber nüchtern, was im Gesetz steht.
Kann man bei Aussage gegen Aussage ohne Beweise verurteilt werden?
Ja, eine Verurteilung ist möglich. Eine Aussage ist ein Beweismittel. Wenn das Gericht eine Aussage für glaubwürdig hält, kann diese eine Aussage für eine Verurteilung genügen.
„Im Zweifel für den Angeklagten“ wird oft als Freibrief missverstanden. Der Satz bedeutet, dass das Gericht zugunsten des Angeklagten entscheiden muss, wenn es nach der Beweiswürdigung Zweifel hat. Der Zweifel muss also beim Gericht entstehen. Dass Sie selbst sicher sind, nichts getan zu haben, löst ihn nicht aus.
Daraus folgt: Verteidigung bedeutet, nachvollziehbare Zweifel sichtbar zu machen. Die eigene Unschuld zu beteuern, verändert die Beweislage nicht. Mehr zu dieser Grundhaltung steht im Beitrag Unschuld allein reicht nicht.
Wie hoch eine Strafe ausfällt, ist eine eigene Frage mit großem Ermessensspielraum. Bei Aussage gegen Aussage geht es zuerst um etwas anderes: ob der Vorwurf überhaupt passt. Zuerst wird die Frage der Schuld geklärt - danach erst die Höhe der Strafe. Ein Ergebnis kann ich schwer vorhersagen, die Richtung der Arbeit aber schon.
Wie zeigen Sie, dass die Darstellung gegen Sie nicht stimmt?
Indem Sie prüfbare Anknüpfungspunkte liefern, statt der Behauptung nur eine Gegenbehauptung entgegenzustellen. Das geschieht in 3 Schritten.
Der erste Schritt ist Akteneinsicht. Als Beschuldigter dürfen Sie lesen, was im Ermittlungsakt steht, also was die Ermittlungsbehörden an Beweisen gesammelt haben bzw. in welche Richtung ermittelt wird. Solange ermittelt wird, kann die Einsicht unter bestimmten Umständen auch beschränkt werden. Erst wenn ich weiß, was dort steht, kann ich sagen, wo die Darstellung gegen Sie Lücken hat.
Der zweite Schritt sind eigene Anträge. Sie dürfen beantragen, dass Beweise aufgenommen werden und Sie dürfen beantragen, dass das Ermittlungsverfahren eingestellt wird.
Der dritte Schritt betrifft Sie unmittelbar: alles sichern, was den Ablauf festhält, bevor es verloren geht.
- Chatverläufe und Nachrichten, vollständig und nicht in Ausschnitten
- Anruflisten und Zeitstempel
- Fotos mit Datum, Standortdaten am Handy
- Termine, Dienstpläne, Belege, Tickets, Kontobewegungen
- Namen von Personen, die den Abend oder die Situation mitbekommen haben
Für die Vernehmung selbst gilt: Sie dürfen einen Verteidiger mitnehmen. Vorher dürfen Sie sich mit ihm beraten.
Das Gesetz zieht dabei klare Grenzen. Niemand darf Ihnen etwas versprechen, Ihnen drohen oder Zwang anwenden, um ein Geständnis oder andere Angaben zu bekommen. Fragen müssen klar sein und dürfen nichts als zugegeben behandeln, was Sie nie zugegeben haben.
Das sehe ich immer wieder: Je länger jemand allein redet, um sich zu erklären, desto mehr Angriffsflächen entstehen. Der Instinkt, sich zu verteidigen, ist stärker als jede Vernunft.
Wann wird ein Verfahren bei Aussage gegen Aussage eingestellt?
Die Staatsanwaltschaft muss das Ermittlungsverfahren einstellen, sobald sich zeigt, dass die Tat nicht gerichtlich strafbar ist, eine Verfolgung rechtlich unzulässig wäre oder es keinen tatsächlichen Grund gibt, weiter zu verfolgen.
Anklage erhebt sie nur, wenn der Sachverhalt ausreichend geklärt ist und eine Verurteilung naheliegt. Beim Bezirksgericht und beim Einzelrichter am Landesgericht heißt die Anklage Strafantrag, beim Schöffen- oder Geschworenengericht Anklageschrift.
Daraus ergibt sich, warum die frühe Phase so wichtig ist. Je früher die Lücken und Widersprüche in der Darstellung gegen Sie sichtbar werden, desto eher fällt die Entscheidung schon im Ermittlungsverfahren (und nicht erst in einer Hauptverhandlung).
2 weitere Wege grenze ich hier nur ab. Wenn eine Einstellung ausscheidet, kann eine Diversion ein Verfahren ohne Vorstrafe beenden. Und wenn ein Zeuge bewusst die Unwahrheit sagt, hat das eigene Folgen: Das Gesetz kennt die falsche Beweisaussage und die Verleumdung. Beides ist ein Thema für sich.
Auf meiner Seite mit anonymisierten Fällen sind Verfahren dokumentiert, die mit Einstellung oder Diversion geendet haben. Daraus lässt sich keine Prognose für Ihren Fall ableiten, aber es gibt einen Einblick, wie Verfahren beendet werden können.
Häufige Fragen
Was ist jetzt der nächste Schritt?
Der erste Schritt ist ein Blick darauf, was im Akt wirklich steht. Dieser Artikel informiert allgemein und ersetzt keine Beratung in Ihrem Einzelfall.
Rufen Sie an und schildern Sie die Lage. Wir klären im Anschluss, was als Nächstes zu tun ist. Die telefonische Ersteinschätzung unter 0664 18 44 997 ist kostenlos und unverbindlich, Details dazu stehen auf der Seite zum Erstgespräch. Für den Fall, dass Sie mich beauftragen, läuft der Kontakt zu Polizei und Behörden ab diesem Zeitpunkt über meine Kanzlei: Sie kommen vorerst aus der Schusslinie, das ist dann meine Aufgabe.